Missile Defense / Raketenabwehr
 

Mit der erstmaligen Entwicklung moderner ballistischer Großraketen Anfang der 1950er Jahre wurden zugleich auch militärische Anstrengungen unternommen, defensive Technologien zu entwickeln, mit denen angreifenden Raketen abgefangen werden können. Raketenabwehrsysteme umfassen dabei im Wesentlichen die Abfangraketen (Interzeptoren) mit explosivem oder kinetischem Gefechtskopf (Hit-to-kill), Sensoren zur Detektion der anfliegenden Raketen (Radar etc.) und Kommunikations- und Kontrolleinrichtungen.

 
Raketenbedrohung

 

Ballistische Raketen können große Nutzlasten auf einer vorausberechneten Flugbahn über weite Distanzen tragen. Die Nukleararsenale der Kernwaffenstaaten fußen auch heute im Wesentlichen auf schnell einsetzbaren ballistischen Langstreckenraketen, die über große Distanzen fremdes Territorium innerhalb von weniger als 30 Minuten erreichen und – bestückt mit Massenvernichtungswaffen – enorme Zerstörung anrichten können. Mit Ende des Kalten Krieges wurde allgemein befürchtet, dass weitere Staaten sich solche Trägersysteme zulegen werden, was zum einen durch die Eigenentwicklung oder die Nutzung importierter Raketenkomponenten (Raketenproliferation) erfolgen kann. In Kombination mit einem potentiellen Programm zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen (MVW) stellen ballistische Raketen ein erhebliches Bedrohungspotential für andere Staaten dar.

 
Raketenabwehr

 

Raketenabwehrsysteme (Ballistic Missile Defense, BMD) werden auch als Anti-Ballistic Missile (ABM) Systeme bezeichnet. Allgemein unterscheidet man zwischen Punktverteidigungssystemen, die kleine Flächen von einigen Dutzend Quadratkilometern abdecken, und Flächenverteidigungssystemen, die einige hundert Quadratkilometerschützen sollen. Ist ein BMD-System gegen strategische Langstreckenraketen gerichtet, spricht man von "strategischer Abwehr". Mobile BMD-Systeme mit begrenzter Kapazität, die insbesondere für Kriegsschauplätze oder zur Punktverteidigung gedacht sind, nennt man auch "Theater Missile Defense" (TMD).

Raketenabwehrtechnologien werden nach der Flugphase unterschieden, in der sie eine Rakete abfangen. Eine ballistische Raketenflugbahn kann grundsätzlich in drei Phasen unterteilt werden: Die Antriebsphase (Boost-Phase), die Mittelflugphase (Midcourse-Phase) und den Endanflug (Terminal-Phase). Mittels verschiedener Abfangtechnologien kann der Abfangvorgang in allen diesen Phasen erfolgen. Bei der "Boost-Phase Defense" wird die feindliche Rakete unmittelbar nach dem Start abgefangen. In dieser Phase ist die Rakete unter Antrieb und der Gefechtskopf und die Antriebsrakete bilden noch eine Einheit, weshalb die Rakete gut zu detektieren ist. Da die Antriebsphase jedoch nur 2-5 Minuten andauert, steht nur ein kleines Zeitfenster für den Abfangvorgang zur Verfügung. Im Verlauf der "Midcourse Defense" erfolgt der Abfangvorgang außerhalb der Erdatmosphäre, nachdem sich der Gefechtsköpfe von der Trägerraketen getrennt hat und antriebslos einer ballistischen Flugbahn hin zum Ziel folgt. Die Midcourse-Phase dauer mit ca. 20-25 Minuten am längsten, der separierte Gefechtskopf ist allerdings schwer zu detektieren und kaum von etwaigen Täuschkörpern zu unterscheiden. Ein Abschuss des Gefechtskopfes in der "Terminal Phase" erfolgt mit Widereintritt in die Erdatmosphäre. Das Zeitfenster ist hier mit 1-2 Minuten am kleinsten und die hohen Widereintrittsgeschwindigkeiten von bis zu 8 km/s erschweren den Abfangvorgang. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Trümmerteile der abgefangenen Rakete auf das eigene Territorium niedergehen.

 
Geschichte der Raketenabwehr

 

Anstrengungen zur Einführung einer strategischen Raketenabwehr wurden von den USA und der Sowjetunion bereits in den 1960er Jahren unternommen. 1972 schlossen die USA und die Sowjetunion den ABM-Vertrag, der alle Formen einer territorialen Raketenverteidigung aufgrund der Erkenntnis verbot, dass eine nationale Raketenabwehr das Strategische Gleichgewicht gefährden und das Wettrüsten nur beschleunigen würde. Der ABM-Vertrag erlaubt jedoch die Beibehaltung einer begrenzten Gebietsverteidigung. Das US-System „Safeguard“ unter Präsident Nixon war 1975 nur kurzzeitig in Betrieb und wurde anschließend wieder demontiert. Zum einen, weil man glaubte, dass die Größe des russischen Nukleararsenals und insbesondere die Einführung von Mehrfachsprengköpfen das System überfordern würde und sich zum anderen die öffentliche Meinung gegen nuklearbestückte Abfangraketen aussprach. Die Sowjetunion begann in den späten Fünfzigern mit den Planungen für einen Raketenabwehrgürtel, der Moskau schützen sollte. Die nuklearbestückten Galosh-Abfangraketen wurden 1978 in Dienst gestellt.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        1983 initiierte Präsident Reagan mit seiner "Star Wars" Rede die "Strategic Defense Initative" (SDI), die die USA durch boden- und weltraumgestützte Systeme gegen anfliegende Sprengköpfe schützen sollte. Dieser angedachte „Raketenschutzschild“ war jedoch technisch und finanziell nicht zu realisieren. Vor dem Hintergrund neuer Raketenprogramme im Irak, Nordkorea, Pakistan und Iran wurden unter US Präsident Clinton die Ressourcen zunächst auf die Abwehr von Kurz- und Mittelstreckenraketen TMD (Theater Missile Defense) konzentriert. Die Entwicklung eines nationalen Abwehrsystems "National Missile Defense" (NMD) begann Ende der 1990er Jahre unter Präsident Clinton. Das Prinzip der NMD-Technologie war es, anfliegende Gefechtsköpfe von Langstreckenraketen durch direkte Treffer mit Abfangflugkörper (Killvehicle) in ihrer Midcourse-Phase bereits im Weltraum zu zerstören. Dieses sogenannte Hit-to-kill Prinzip ist bis heute Grundlage moderner Flächenverteidigungssysteme gegen angreifende ballistische Raketen.

Im US-Kongress herrscht seit wenigen Jahren Konsens über die Notwendigkeit einer Raketenabwehr, "wenn sie denn technologisch möglich ist". Unter Präsident G.W. Bush wurde die Grundlage für den Aufbau der „Groundbased Midcourse Defense“ (GMD) gelegt. Als eine Voraussetzung hierfür, erklärte Präsident Bush am 13. Dezember 2001 die Aufkündigung des ABM-Vertrages, der seit dem 13. Juni 2002 außer Kraft ist. Das GMD-System umfasst heute zwei Raketenabwehrstellungen in den USA und bietet laut offiziellen Aussagen einen rudimentären Schutz des US-Festlandes vor Angriffen mit Langstreckenraketen.

 
Raketenabwehr heute

 

Ein durch die Bush-Administration zunächst geplantes europäisches Raketenabwehrsystem (European Midcourse Defense, EMD) wurde durch Präsident Obama ersatzlos gestrichen und durch den „European Phased Adaptive Approach“ (EPAA) ersetzt, der in vier Phasen bis 2020 die schrittweise Stationierung und technische Weiterentwicklung schiff- und landgestützter Standard Missile-3 (SM-3) Abfangraketen vorsieht. Es handelt sich auch hier um eine „Midcourse Defense“, die in ihren ersten Phasen zunächst das europäische Territorium gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen verteidigen und in der letzten Ausbaustufe auch die Abwehr von Interkontinentalraketen ermöglichen soll. Auf dem NATO-Gipfel 2010 in Lissabon wurde beschlossen, dass Raketenabwehr zu den künftigen Schlüsselkompetenzen der NATO zählen und der Aufbau eines NATO-Raketenabwehrsystems für Europa – welches vorhandene nationale  Raketenabwehrsysteme und Sensoren vernetzen und unter ein Kommando stellt – vorangetrieben werden soll. Da zurzeit mit EPAA nur die USA über ein passendes Flächenverteidigungssystem verfügen, wird dieses das Kernelement der europäischen Raketenabwehr darstellen. Im Rahmen des NATO-Russland-Rates wurde Russland explizit zu einer Kooperation bezüglich der europäischen Raketenabwehr eingeladen, über die Art und den Umfang dieser Kooperation herrschen aber auf beiden Seiten gegensätzliche Vorstellungen, so dass trotzt intensiven Konsultationen bisher keine Einigung erzielt werden konnte. Dieser Umstand stellt insofern ein Problem dar, als Russland in der geplanten NATO-Raketenabwehr eine Gefährdung bzw. potentielle Schwächung seines eigenen strategischen Nuklearpotentials sieht und auf rechtlich verbindliche Zusagen drängt, dass eine solche Raketenabwehr nicht gegen russische Raketen gerichtet ist. Zu einer solchen Zusage sind derzeit aber weder die NATO noch die USA bereit, was Russland im Gegenzug wiederum mit der Aufrüstung seiner strategischen Streitkräfte drohen lässt. Auch das der geplanten Raketenabwehr zugrunde liegende Bedrohungsszenario, welches zurzeit vor allem in einem möglichen Nuklearwaffen- und Raketenprogramm Irans gesehen wird, stößt bei Experten auf geteiltes Echo und wird vielfach als nicht gesichert angesehen. Ein durch die geplante Raketenabwehr aber vielleicht ausgelöster Stillstand bei den nuklearen Abrüstungsverhandlungen oder die Möglichkeit neuer Rüstungsdynamiken (Aufrüstung) würden hingegen eine erhebliche Auswirkung auf die internationale Sicherheitslage habe.

Auf dem nächsten NATO-Gipfel im Mai 2012 in Chicago ist geplant, die rudimentäre Einsatzbereitschaft der europäischen Raketenabwehr zu erklären. Im Wesentlichen besteht das System derzeit aus einem AEGIS-Schiff mit SM-3 Interzeptoren an Bord, welches im Mittelmeer stationiert ist. Ob es im Rahmen des Gipfels – und damit noch vor der US-Präsidentschaftswahl im Herbst – auch zu einer Einigung mit Russland kommen wird, ist hingegen fraglich.

Neben den politischen Implikationen wird Raketenabwehr von vielen Experten aber auch aufgrund technologischer Schwierigkeiten, möglichen Gegenmaßnahmen und den notwendigen, hohen finanziellen Investitionen kritisch betrachtet. Die Erreichbarkeit, Identifizierung und erfolgreiche Zerstörung eines anfliegenden Gefechtskopfes gestaltet sich technisch als äußerst schwierig und Tests mit existierenden Raketenabwehrsystemen weisen bisher nur zweifelhafte Abfangergebnisse vor. Hinzu kommt, dass Tests bisher nur unter künstlichen Bedingungen abgehalten wurden. So verzichtete man entweder auf den Einsatz von sogenannten Täuschkörpern (Countermeasures) oder dem Interzeptor lagen bereits im Vorfeld Angaben zum Bahnverlauf der angreifenden Rakete vor. Der Einsatz von „Countermeasures“ stellt eines der größten Probleme dar. Die Ausbringung von Ballons, radarreflektierendem Material oder die Tarnung des Gefechtskopfes – alles in allem technisch wenig anspruchsvolle und kostengünstige Maßnahmen – machen eine eindeutige Identifizierung des Gefechtskopfes nahezu unmöglich. Ein weiterer wichtiger Faktor ist nicht zuletzt die Höhe der finanziellen Investitionen die für Raketenabwehrprogramme notwendig sind und die bisher kaum ein Land bereit war aufzubringen. Die USA sind auf dem Sektor der Forschung und Entwicklung von BMD-Systemen mit Abstand führend und haben hierfür alleine in den Jahren 1985 bis 2009 über 80 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Inwiefern nun auch europäische Staaten die Notwendigkeit sehen und bereit sein werden, sich an einer NATO Raketenabwehr finanziell oder substantiell zu beteiligen, wird am Ende über die weitere Ausgestaltung der Pläne für eine europäische Raketenabwehr entscheiden.

 
 
Dokumente

 

 
Links

 

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Literatur, die im Internet verfügbar ist